Presse

Offenburger Tageblatt, Freitag, 4. April 2014

Man muss auch loslassen können
Dauer(b)renner Ulrich Benz läuft nur noch zum Spaß und keinen Marathon mehr / »Alles erreicht, was ich erträumt habe«

Von Michaela Quarti

Wenn am Sonntag um 11 Uhr der Startschuss zum Marathon in Freiburg fällt, sitzt der Titelverteidiger wahrscheinlich in einem Straßencafé in Heidelberg. »Dann trinke ich gemütlich Kaffee und esse einen Kuchen«, schmunzelt Ulrich Benz (TV Ohlsbach/LG Brandenkopf). Zu diesem Zeitpunkt wird er bereits einen Halbmarathon in den Beinen haben – in Heidelberg. Dort läuft der Mann, der im Finanzministerium in Stuttgart arbeitet, im Trikot »meines Arbeitgebers«.
Heidelberg statt Freiburg, Halbmarathon statt Marathon, Spaß statt Zielvorgabe, Kuchen statt Banane – das ist das »neue« Leben des Ulrich Benz. Nach rund 4000 Wettkampfkilometern und wohl 40 000 Trainingskilometern alleine in den vergangenen zehn Jahren hat der 38-Jährige seine außergewöhnliche Lauf-Karriere an den Nagel gehängt. Allerdings ist das streng genommen Interpretationssache. »Ich laufe natürlich schon noch. Aber nach Lust und Laune, ohne ernsthafte Ziele«, relativiert der gebürtige Ohlsbacher.
Kein Trainingsplan
Früher gab es einen Trainingsplan, elf Monate lang wurde vieles, manchmal sogar alles dem Laufen untergeordnet. Bis zu 140 Kilometer hat Benz die Woche abgespult, derzeit sind es 60 oder 70. Die Intensität und Konsequenz hat nachgelassen, die Stringenz. »Es reicht jetzt einfach«, sagt Benz: »Die Erfolge waren schön. Aber man muss auch loslassen können.«
Einen Halbmarathon – wie den am Sonntag in Heidelberg – bewältigt einer wie Ulrich Benz aber natürlich schon noch. Ein Marathon, versichert er, sei dagegen nicht drin. »Nach einer Stunde ist es mittlerweile meist gut. 90 Minuten gehen noch, aber länger möchte ich nicht mehr trainieren.« Und mittlerweile trinkt er auch einen Kaffee oder auch mal ein Bier, wenn er Lust dazu hat. »Das mit dem Bier habe ich mir in den vergangenen Jahren immer genau überlegt.«
Auch das mit dem Rücktritt hat sich Ulrich Benz lange überlegt und ist dann zum Entschluss gekommen, »dass ich alles erreicht habe, was ich mir erträumt habe«.
Diese Ziele, die er nun nicht mehr hat, hatten sich allerdings erst im Lauf der Jahre entwickelt.
Nachdem Benz 1995 in Offenburg den ersten Halbmarathon gelaufen ist, wollte er den ersten Marathon angehen. Den lief er dann 1999 in Berlin. Beim Berglauf träumte er von der erweiterten nationalen Spitze. Zwischen 2010 und 2013 ist ihm dies auf der Langdistanz sogar mit vorderen Platzierungen bei Bergmarathons gelungen. Auch die Qualifikation für die Nationalmannschaft war ein Ziel. Dreimal durfte er für Deutschland starten und gewann dabei zwei Bronzemedaillen im Team. Mit der Mannschaft der LG Brandenkopf holte er zudem – nach vielen Anläufen – drei Medaillen bei deutschen Meisterschaften.
Den Halbmarathon wollte er unter 1:10 absolvieren. Auch das ist ihm 2012 in Berlin (1:09:57) gelungen. In der Bundeshauptstadt knackte er im vergangenen Jahr zudem die 2:28-Stunden-Marke (2:27,32). Noch mal eine persönliche Bestleistung.
Im Grunde hörte Ulrich Benz also auf dem Höhepunkt auf. »Das Niveau hätte ich wohl schon noch ein, zwei Jahre halten können«, glaubt er, aber neue, markante Ziele wären mit dem gleichen Aufwand nicht mehr zu erreichen gewesen. Dafür hat er in den vergangenen Jahren zu viele Häkchen gesetzt. Also überwog der Wunsch aufzuhören, wenn man das Gefühl hat, »man ist noch gut drauf«.
Insgesamt 19 Marathons hat Ulrich Benz in seiner Karriere absolviert, davon sechs am Berg, dazu genau 57 Halbmarathons. Die vielen Volksläufe über wenige Kilometer sind dabei ungezählt. Die Marathons hat er dabei oft ganz bewusst ausgewählt.
Berlin (4-mal) – »weil es der größte in Deutschland ist«.
Jungfrau im Berner Oberland (3-mal) – »weil er landschaftlich schön und ein Klassiker ist«.
Zermatt (2-mal) – »wegen dem Blick aufs Matterhorn«.
Hamburg (2-mal) – »weil ein Kumpel so begeistert davon war und die Stimmung grandios ist«.
Liechtenstein (1-mal) – »weil ich mich da für die WM qualifizieren musste«.
Boston (1-mal) – »weil es der älteste ist«. Dass er damals 2002 im Rennverlauf alles falsch gemacht hat und völlig eingebrochen war, ist ihm mittlerweile egal. »Ich wollte zwar auch schnell, vor allem aber einmal in Bosten laufen«, schmunzelt er heute.
Und dann natürlich Freiburg (6-mal), »weil ich da gewohnt und studiert habe«. Dreimal hat er in der Breisgau-Metropole sogar gewonnen. 2004, 2008 und 2013. »Freiburg«, sagt er heute, »habe ich sehr viel zu verdanken. Der Freiburg-Marathon hat mich bekannt gemacht.« Auch weil er sich in den ersten Jahren mit Lokalmatador Max Frei, dem zweimaligen Sieger, so tolle Duelle geliefert hat. »Wir hatten das gleiche Ziel und haben uns hochgeschaukelt – und hinterher gemeinsam gefeiert.«
Gerne erinnert sich Benz an 2004, als er bei der Premiere als Erster ins Ziel gelaufen war. »Das Gefühl war abartig. Nie hatte ich zuvor daran gedacht, in Freiburg gewinnen zu können.« Freiburg hatte in den Jahren danach stets Priorität im Wettkampfkalender. Da war die emotionale Verbundenheit, Freiburg war für Benz, der immer zu den Favoriten zählte, aber auch eine mentale Geschichte. »Es macht einen Unterschied, ob man in der Spitzengruppe läuft oder – wie bei anderen Marathons – um Platz 50.«
Und da waren natürlich auch die Fans am Straßenrand. Oft hat er gehört: »Komm Uli, es sieht gut aus!« Und dabei manchmal genau gewusst, »dass es eben gar nicht gut ausschaut«. Aber einfach den eigenen Namen zu hören, das war schon eine besondere Motivation.
Auch heute noch schwärmt Benz von Freiburg. Die Blaue Brücke, das Schwabentor – »die Stimmung dort ist einfach phantastisch«.
Kleine Läufe geplant
Ulrich Benz wird sie als Aktiver wohl nicht mehr erleben. Da er aber weiterhin laufend unterwegs ist, wird man ihn nach wie vor in den Ergebnislisten der kleineren Läufe in der Region finden. Marco Utz beispielsweise, der am 23. Mai in Willstätt-Sand die erste Ortenauer Laufnacht ins Leben ruft, hat er seine Teilnahme versprochen, auch Hartwig Potthin, der den Schluchseelauf (11. Mai) und Frank Haist, der den Lahrer Team-Lauf (4. Juli) veranstaltet. Bei seiner eigenen Veranstaltung, dem Brandeck-Linde-Lauf in seinem Heimatort Ohlsbach (18. Oktober), ist er natürlich dabei, aber eher als Veranstalter und wahrscheinlich nicht als Teilnehmer. Und vielleicht startet Ulrich Benz auch beim Lauftag am 4. Mai in Offenburg. »Ausschließen will ich das jedenfalls nicht.«
Allerdings: Große Ambitionen hat er keine mehr. »Die Zeit ist mir dann egal.« Und genau deshalb wird Ulrich Benz am Sonntag auch nicht in Freiburg, sondern einfach zum Spaß in Heidelberg laufen. Mal schauen, was dabei herauskommt.


Ein Foto mit Symbolcharakter: Jahrelang war Ulrich Benz die Nummer eins auf der Langstrecke in der Ortenau und hat in seinem Heimatort Ohlsbach den Brandeck-Lindle-Lauf ins Leben gerufen.
                                                                                                             Foto: Iris Rothe

siehe auch unter - http://www.bo.de/sport/lokalsport/man-muss-auch-loslassen-koennen

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